Zurzeit arbeiten weltweit 500 Millionen Arbeitstiere im Dienst des Menschen.

Das macht ein Arbeitstier auf 13 Menschen.

Die Verwendung von Zug- und Tragtieren ist stabil in Asien und Lateinamerika, in Afrika nimmt sie zu.

Die Welternährungsorganisation FAO zur Bedeutung der Arbeitstiere:

… der Einsatz von Zug- und Tragetieren wird eher durch psychologische und gesellschaftliche Hindernisse gehemmt als durch technische oder wirtschaftliche…

Es ist notwendig, die Verwendung von Arbeitstieren als eine erneuerbare Energiequelle darzustellen, die für die moderne Welt von Bedeutung ist.

Das Thema „tierische Arbeitskraft" muss in Schulen behandelt und in den öffentlichen Medien zur Sprache gebracht werden.

Arbeitstiere sollten als ökologisch und wirtschaftlich sinnvolle Energiequelle für den ländlichen Bereich anerkannt werden. Sie und die motorisierten Arbeitsmittel ergänzen sich auf eine effiziente Art gegenseitig …

Eine positive, realistische und sachdienliche Darstellung der Verwendung von Arbeitstieren muss Eingang finden in Rundfunk, Fernsehen, Film, Zeitschriften und Büchern.

Die meisten Länder könnten aus breit angelegten Bildungsprogrammen zum Einsatz von Arbeitstieren Nutzen ziehen.

Quelle:  http://www.fao.org/ag/ags/agse/chapterps1/chapterps1-e.htm

Biodiesel contra tierische Zugkraft

Die Gefahren der energetischen Nutzung von Pflanzen und ihre möglichen negativen Auswirkungen auch auf die weltweite Nutzung tierischer Zugkraft

von Erhard Schroll

Der Bericht der UNO-Experten als Ergebnis der IPCC-Konferenz zum Klimawandel in Paris Ende Januar diesen Jahres prognostiziert bis 2100 eine beispiellose Erwärmung der Erdatmosphäre um bis zu 6,4° C. Hitzewellen, Dürreperioden, gewaltige Stürme und ein steigender Meeresspiegel werden die Folge sein. Zudem wachsende Armut und Elend vor allem in den Ländern, die an dieser Entwicklung am wenigsten Schuld sind und es sich finanziell auch nicht leisten können, Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen für ihre Bevölkerung zu mindern.

Auf der Suche nach Lösungen und Alternativen zur Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl, Kohle und Gas, die durch ihre Freisetzung von CO2 die Verursacher des Klimawandels sind, wird in der Diskussion zunehmend die Landwirtschaft als künftiger Energielieferant ins Spiel gebracht.

Der Deutsche Bauernverband propagiert die Forcierung der energetischen Nutzung von Biomasse im großen Stil und schürt in der Öffentlichkeit eine regelrechte Euphorie hinsichtlich der vermeintlichen Lösung der Energieprobleme. Er verheißt seiner Klientel glänzende Zukunftsperspektiven als künftige Energiewirte.

Ich werde versuchen, dies im Folgenden zu hinterfragen, die Rolle von Energienutzung und Landwirtschaft global zu betrachten und den Bezug zur Nutzung tierischer Zugkraft herzustellen.

Bioenergie als Segen und Chance

Die Erzeugung von Biogas zur Produktion von Strom und Wärme, der Anbau von Pflanzen zur Produktion von Biokraftstoff oder die energetische Nutzung von Holz ist eine unzweifelhaft umweltfreundliche und Ressourcen schonende Alternative zur Verbrennung fossiler Brennstoffe. Diese Art von regenerativer Energie kann so einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung des CO²-Ausstoßes und der Minderung des Treibhauseffektes leisten.

In einem geschlossenen bäuerlichen Wirtschafts- und Produktionskreislauf kann die Nutzung und Veredlung selbst angebauter Pflanzen zu Energiezwecken zu weitgehender Autonomie und Unabhängigkeit von Strom-, Wärme- und Kraftstofflieferanten führen. Die eingesetzten Traktoren oder - beim Pferdeeinsatz - motorisierten Vorderwagen könnten mit Treibstoff aus eigenem Anbau angetrieben werden. Aggressive, umweltschädliche Gülle wird zu Strom und Wärme umgewandelt, verändert sich dabei gleichzeitig zu einem hochwertigen, pflanzenverträglichen Dünger und die überschüssige Energie kann verkauft und ins öffentliche Netz eingespeist werden. Für die meisten der kleinen und mittleren noch existierenden Milchviehbetriebe in Deutschland wäre dies ein wichtiger Beitrag zur Existenz- und Zukunftssicherung (siehe hierzu z.B. Artikel über den Hof Heckseifen in SP 13, S. 10f).

Bioenergie contra bäuerliche Landwirtschaft

Kritisch wird es aber spätestens dann, wenn nicht mehr primär für den Eigenbedarf und das nähere Umfeld, sondern „für den Markt" produziert werden soll.

Die Folgen zeichnen sich jetzt schon ab: Große Landwirtschaftsbetriebe und branchenfremde Kapitalgesellschaften planen und bauen industrielle Biogasanlagen auf der Grünen Wiese und schöpfen einen Großteil der öffentlichen Fördermittel ab. Landwirte in den jeweiligen Regionen werden als Zulieferer für die benötigte Biomasse umworben und geraten nach Vertragsabschluss in zunehmende Abhängigkeit zu ihren Vertragspartnern.

Preissteigerungen für Getreide und Silomais in den letzten zwei Jahren, sind natürlich erstmal als positiv für den Einzelbetrieb anzusehen, da z.B. Getreide schon lange viel zu billig auf dem Markt war.

Ein profitabler Betrieb solcher Anlagen kann nur gewährleistet werden durch großflächigen Anbau von Energiepflanzen wie Raps und Mais in Monokultur. Pflanzen, die unter den gegebenen Umständen einen erhöhten Aufwand an Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmittel erfordern und dafür prädestiniert sind, der Gentechnik auch in Deutschland argumentativ die Tore zu öffnen, u.a., da sie ja nicht gegessen oder verfüttert werden.

Bei Beibehaltung der gegenwärtigen Praxis und Förderpolitik wird die Forcierung des Anbaus von Energiepflanzen zu einer zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft und zur Konzentration auf wenige Großbetriebe führen.

Biodiesel – eine wirkliche Alternative?

Zurück zur vermeintlichen Lösung der Energieprobleme. Beispiel: Biodiesel

Pro Jahr werden in Deutschland etwa 50 Mio. t Heizöl der Sorte EL (Abkürzung für extra leicht(flüssig) und des chemisch verwandten Dieselkraftstoffs verbraucht (2005 waren es 53 Mio. t. 1)

Diesel bzw. Heizöl EL hat einen Heizwert, der um etwa 16 % höher als der von Biodiesel ist. Wollte man den gesamten Jahresverbrauch Deutschlands durch Biodiesel ersetzen, wäre also eine Jahresproduktion von etwa 58 Mio. t Biodiesel bereitzustellen. Bezogen auf Raps als Ausgangsstoff würde man, um diese Menge zu produzieren, eine Anbaufläche von 1.490.000 km² benötigen. Dies ist bereits fast das Fünffache der Gesamtfläche Deutschlands von 357.050 km². 2006 wurden ca. 50 % der Fläche der Bundesrepublik Deutschland für die landwirtschaftliche Produktion genutzt 2), also entspricht es sogar fast dem Zehnfachen der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Deutschland! Betrachtet man zudem die Energiebilanz von Biodiesel, so ergibt sich je nach Studie, dass zwischen 30 und 80 % der darin enthaltenen Energie für seine Erzeugung aufgewendet werden muss.

Biosprit contra Lebensmittel

Soll zumindest ein Teil des Energiebedarfs der industriell hochentwickelten Länder über Biomasse bereitgestellt werden, muss wegen des Mangels an Anbauflächen in andere Länder ausgewichen werden.

Die Biosprit-Produktion für den Weltmarkt kann aber besonders in den so genannten. Entwicklungsländern zu einer Verknappung bzw. Verteuerung von Lebensmitteln führen, schwere Umweltschäden verursachen und somit fatale Auswirkungen für die Menschen haben.

Immer mehr Umweltgruppen aus den Tropen berichten über die katastrophalen Auswirkungen, welche die Bioenergie aus Palmöl, Soja oder Zuckerrohr für die Menschen und die Wälder in den südlichen Ländern der Erde bereits hat.3)

Derzeit boomt zum Beispiel Biodiesel aus indonesischem Palmöl. Der Export soll in den nächsten Jahren forciert, die vorhandenen Anbauflächen ausgeweitet werden. Urwald und Flächen zur Nahrungsmittelproduktion werden weichen müssen. In Mexiko wurde jüngst ein 30-prozentiger Preisanstieg des dortigen Grundnahrungsmittels Tortilla (Maisfladen) verzeichnet. Grund: wegen der hohen Nachfrage nach Energiemais zur Biosprit-Produktion haben sich die Preise für Mais auf dem internationalen Markt im letzten Jahr verdoppelt.4)

Biosprit contra tierische Zugkraft

Laut der Welternährungsorganisation FAO arbeiten zurzeit weltweit ungefähr 500 Millionen Arbeitstiere im Dienste des Menschen.5) Auch diesen macht der Anbau von Energiepflanzen die Futterflächen streitig.

Die ökonomische Bedeutung dieser „Produktionsmittel" für den größten Teil der Menschheit wird aus unserer mitteleuropäischen Blendklappensicht nur zu gerne übersehen und findet auch in der Politik wenig bis keine Beachtung. Rinder, Ochsen, Büffel, Esel, Mulis oder Pferde werden als Zug- oder Tragtiere eingesetzt, arbeiten im Transportwesen und in der Land- und Forstwirtschaft. Sie sind unentbehrliche Helfer der Kleinbauern und kleinen Gewerbetreibenden. Man stelle sich vor, diese alle würden auf Auto, LKW oder Traktor umsteigen …

Vor diesem Hintergrund muss die Verwendung tierischer Zugkraft neu definiert und als das gesehen werden, was es tatsächlich ist: eine der bedeutendsten verfügbaren erneuerbaren Energiequellen weltweit. Eine Energiequelle, die sich selbst reproduziert, von in Pflanzen gespeicherter Sonnenenergie lebt, wertvollen und hochwertigen Dünger produziert und sich ohne negative Auswirkungen in den Naturkreislauf einfügt.

Die Bedeutung der tierischen Zugkraft muss endlich auch von den Entscheidungsträgern in Brüssel und den nationalen Parlamenten zur Kenntnis genommen und entsprechend gewürdigt werden. Es ist eine wichtige politische Aufgabe – im eigensten Interesse – diese Menschen in ihrem Tun zu unterstützen, ihnen beim Fortbestand und der Weiterentwicklung der Zugtiernutzung Hilfen anzubieten und alles zu vermeiden, was dieses beeinträchtigen könnte.

Die Vorbildfunktion, die wir auf die Menschen in den so genannten Entwicklungsländern haben, ist groß. Aus dieser Verantwortung heraus ist es wichtig, hier in Deutschland und Europa selbst mit gutem Beispiel voranzugehen, den Zugpferdeeinsatz vom Mythos der Rückständigkeit zu befreien, sein ökologisches Potenzial als regenerative Energiequelle anzuerkennen und einen modernen und zeitgemäßen Zugpferdeeinsatz offensiv zu fördern.

Quellen:

1) lt Mineralölwirtschaftsverband
2) Statistisches Bundesamt Deutschland
3) Reinhard Behrend von „Rettet den Regenwald", in „unabhängige Bauernstimme", Nr. 297.
4) ebda
5) http://www.fao.org/ag/ags/agse/chapterps1/chapterps1-e.htm

Lesen Sie zu diesem Thema:

Gebt das Pferd nicht auf"
von Charlie Pinney

Mit zwei PS pflanzen, pflügen ernten und ... Strom erzeugen"
von Erhard Schroll

„In meinen Wald kommt keine Maschine" von Erhard Schroll in SP 40